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"Öko-Perfektionismus" und die „Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität“

Aktualisiert: 26. Aug 2019

Über Klimawandel aufklären und trotzdem in ein fremdes Land fliegen – geht das?


Vor ca. einer Woche veröffentlichte ich einen Instagram-Post zum Thema Wasser. Ich schrieb über den "Wasser-Fußabdruck" und zählte einige interessante Fakten zu Trinkwasser sowie dem Verbrauch von Wasser bei der Herstellung eines Fastfood-Menüs oder eines T-Shirts auf. Gewählt hatte ich dazu ein neueres Bild von mir aus Island mit einem Wasserfall im Hintergrund, welches unter anderem mit dem Hashtag #ecofluencer vermerkt war. Es dauerte nicht all zu lange und es wurde folgendes Kommentar hinterlassen:


"Danke für die Infos 👍Was mich interessieren würde: Wie kommt man als sogenannter “ecofluencer” nach Island? Mit Segelschiff?"


Nicht zum ersten Mal darf ich mich einer solchen Frage stellen. Berechtigt? Jain.


Ich selbst bin wohl mein größter Kritiker und stelle mir bei jedem Reiseantritt sehr lange Fragen wie "Ist eine Reise mit dem Flugzeug vertretbar? Welche Alternativen gibt es?" oder auch "Ist eine Reise nach Übersee überhaupt notwendig?"


In dem Kommentar wird auf das Segelschiff hingedeutet. Das kommt nicht etwa von ungefähr. Greta Thunberg, Initiatorin der Friday-For-Future-Bewegung, ist aktuell auf ihrer Reise zum UN-Klimagipfel nach New York mit dem Segelschiff unterwegs. Auch ich finde diese Entscheidung toll und habe größten Respekt vor einem so jungen Mädchen, welches ihre Überzeugungen mit ganzem Herzen vertritt und verfolgt! Leider ist so eine Reise oft für den „Otto-Normal-Verbraucher“ schwierig.


Doch zurück zu meiner Reise nach Island. Ja, ich bin tatsächlich mit dem Flugzeug gereist. Aus Erfahrung weiß ich, dass der ein oder andere nun denkt „Oh wusste ich doch - so ein Gelaber mit Öko und und und...“. Deshalb möchte ich gerne auf diese imaginäre Reaktion eingehen.


Ich finde es sehr schwierig und leider auch sehr traurig, dass insbesondere Personen, welche sich aktiv um ihre Umwelt kümmern und auch versuchen mit dem, was sie tun, andere Leute aufzuklären, für kleine „Fehler“ (wenn man das so betiteln will) meistens die größten Hass-Kommentare abbekommen. Ganz im Gegensatz zu den Leuten, die sich auf Kosten der Umwelt amüsieren und gar nichts dafür tun.

Kein Mensch ist "öko-perfekt". Auch ich nicht. Und das muss auch keiner sein!

Es wäre so viel wichtiger, dass alle Menschen endlich ein Bewusstsein für das eigene Handeln entwickeln und IHR individuell Möglichstes tun, um die Umwelt zu schützen, anstatt, dass es eine Hand voll Leute gibt, die alles „perfekt“ machen. Viele Menschen setzten sich leider erst gar nicht mit dem Thema auseinander, weil sie Angst vor der Realität haben und genau diese „ganz-oder-gar-nicht-Mentalität“ mitschwingt, bei der sie denken, sie dürfen dann nie wieder in Urlaub fliegen, müssen ihr Auto verkaufen und alles was Plastik ist sofort ersetzen.

SCHMARN!


Genau diese Mentalität ist der Grund, wieso viele sich vor einem ersten kleinen Schritt scheuen. Welcher übrigens meistens aus freien Entscheidungen automatisch einen zweiten, dritten, usw. zur Folge hat. Kein Mensch ändert alles von 0 auf 100. Und auch hier: das MUSS auch KEINER! Deswegen versuche ich genau diesem Problem entgegenzuwirken und versuche mit meinen Möglichkeiten als "Ecofluencer" die Welt aufzuklären. Ich finde es so wichtig zu zeigen, dass die Welt auch Spaß machen kann, wenn man umweltbewusst unterwegs ist und dass man dabei kein „schräger Öko-Hippie“ sein muss, der sich gar nichts mehr erlauben darf.


Alle Welt echauffiert sich über die „Fake-Welt Instagram“, in der jeder nur ein perfektes Bild seiner selbst zeigt, fernab von Realität. Doch sobald es dann um Umweltbewusstsein geht, wird es sogar erwartet? Andernfalls bekommt man einen auf den Deckel und wird gar als inkonsistenten Lügner oder ähnliches beschimpft? Klar könnte ich nur Bilder von meinen wiederverwendbaren Edelstahlstrohhalmen oder meinen Baumwollabschminkpads posten, mich dafür feiern lassen und eine Reise nach Island aber „geheim“ halten. Doch ist das wirklich nachhaltiger? Wohl kaum. Ich bin mir sicher, viele, wenn nicht sogar die meisten Ecofluencer wählen einen solchen Weg. Doch dem halte ich entgegen.



Ja, ich kümmere mich um die Umwelt.

Ja, ich fliege weiterhin in ein fremdes Land, wenn ich persönlich die Umstände vertreten kann. #formorerealityoninstagram



Viel wichtiger ist meiner Meinung nach, sein persönliches Potential für den Umweltschutz auszuschöpfen. Es sind viele kleine Wellen, welche zusammen zu einer großen heranwachsen. So habe ich zum Beispiel CleanUpMunich gegründet. Dort veranstalte ich alle zwei Wochen ein CleanUp in München, bei dem wir unter anderem auch automatisch über andere Umweltthemen sprechen und diskutieren.


Nebenbei bin ich ehrenamtlich bei Protect our Winters Germany tätig. Dort verfolgen wir einen ähnlichen Ansatz. Die Outdoor- und Wintersport-Community liebt was sie tut und wird sich auch nicht von ihrem Hobby, welches de facto auch umweltschädlich sein kann, abbringen lassen. Doch das ist auch nicht das Ziel.


"Ein erhobener Zeigefinger bringt selten etwas."

Deshalb versuchen wir stattdessen zu sensibilisieren, aufzuklären und nachhaltige Alternativen für Anreise und Co. bekannter zu machen. Die Anreise via Zug oder mit einem immerhin geteilten Auto über zum Beispiel go-shred ist wesentlich nachhaltiger, als alleine mit dem dicken SUV für einen Tag in die Berge zu fahren. Sharing is caring. Natürlich stehen auch hier noch viele Veränderungen an und so versuchen wir auch mit Aktionen und Zusammenarbeit zum Beispiel das öffentliche Nahverkehr-Angebot zu verbessern und Skigebiete an sich nachhaltiger zu gestalten. Kommunikation ist auch hier wieder mal ein wichtiger Punkt.


"Klimaschutz ist ein wichtiges Thema und das beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf einen Flug in ein anderes Land."

Fleischkonsum ist zum Beispiel einer der größten Klimasünder. So ist die vegane Ernährung einer der stärksten Möglichkeiten, den persönlichen CO2-Fußabdruck deutlich zu minimieren. Deshalb bin ich seit 18 Jahren vegetarisch und habe mich zu Beginn diesen Jahres dazu entschlossen nun auch vegan zu leben.


Zurück zum Kommentar


Doch kommen wir nun abschließend noch einmal zu unserem kritischen Instagram-Kommentar von Beginn zurück. Besonders interessant war dabei, dass die Person, welche das Kommentar hinterlassen hatte, selbst auch in Island war. Deshalb gab ich nach ausführlicher Antwort (welche inhaltlich in etwa diesem Artikel entspricht) die Frage zurück.


"Wie bist du angereist? Wie hast du dich vor Ort gegenüber der Umwelt und den Einheimischen verhalten? Hast du z.B. einen leeren Coffee-to-go-Becher am Straßenrand aufgehoben und in den nächsten Mülleimer geworfen? Wie hast du dich ernährt? Wo kam deine Kleidung her, die du dort getragen hast? Wie wurde sie produziert? "


Meiner Meinung nach sind das Fragen, die sich JEDER Mensch stellen sollte – nicht nur "Ecofluencer". Ich ermutige nun DICH, da du gerade diesen Artikel liest, einmal darüber nachzudenken, um dann selbst erste Schritte hin zu mehr Umweltbewusstsein und Umweltschutz zu gehen! Es geht nicht darum "perfekt" zu sein. Im ersten Schritt geht es darum, sich seinem Handeln und dessen Auswirkungen bewusst zu werden. Danach geh gedanklich noch einen kleinen Schritt weiter: Nachhaltigkeit fängt zwar bei dir selbst an, doch, nur wer sein Wissen teilt, macht die Erde allgemein zu einem nachhaltigeren Ort.

Denn leider ist Unwissenheit aktuell noch einer der größten Umweltsünder.


#everyactioncounts #nobodysperfect


(Kleine Nebeninfo: Fernab vom Inhalt diesen Artikels, welchen ich um einiges relevanter halte als diese Information, habe ich den Flug mit Atmosfair ausgeglichen, was ich mittlerweile als selbstverständlich erachte.)

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